Drei Fragen an Janine Dietze, Head of Logistics bei Drees & Sommer

URBAN HUBS – NEUE WEGE FÜR DIE STÄDTISCHE LOGISTIK

1. Der Lieferverkehr steht stark in der Kritik. Luftverschmutzung und Staus führen in manchen Städten gar zu Fahrverboten. Trägt die Logistikbranche Schuld am Verkehrsinfarkt?

Heute fahren viel mehr LKW auf den Straßen als früher, das ist richtig. Aber der Transport- und Logistikbranche dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben, wäre falsch. Oft wird vergessen, dass die Branche ein wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette von Einzelhändlern und Industrieunternehmen ist und damit auf die veränderten Warenströme reagiert. Ein Beispiel: Seit Jahren verzeichnet der Online-Handel ein astronomisches Wachstum. Laut einer Studie des Bundesverbands für Paket und Expresslogistik haben die Kurier-, Express- und Paketdienstleister in Deutschland im letzten Jahr über drei Milliarden Sendungen befördert. Das entspricht einem Zuwachs von 7,2 Prozent. Diese Paketflut ist es, die der Logistik so einen schlechten Ruf einbringt – Staus, Lärm und Dreck sind die Folge. Das kann so natürlich kein Dauerzustand sein, aber Fahrverbote, wie sie Städte wie Stuttgart ausgesprochen haben, bekämpfen lediglich die Auswirkungen. Sie lösen aber nicht das Problem.

2. Welche Lösung schlagen Sie stattdessen vor?

Wir dürfen auf neue Probleme nicht mit alten Lösungen reagieren. Am Bau von Logistikzentren hat sich seit Jahrzehnten kaum etwas verändert. Nach wie vor werden hauptsächlich große Flächen vor der Stadt gesucht, mit guter Anbindung an den Fernverkehr und in nächster Nähe zu Produktionsstandorten und Kunden. Grundstücksflächen sind jedoch gerade in den für Logistikansiedlungen bevorzugten Regionen ein knappes Gut. Wir müssen also neue Konzepten entwickeln. Das gilt insbesondere für die letzte Meile, also das letzte Wegstück beim Transport durch die Stadt zur Haustüre des Kunden, die nach wie vor sehr zeitaufwändig und damit teuer ist. Warum aber nicht auf die vorhandenen  freien Flächen in der Stadt setzen? Diese könnten zu Urban Hubs, also zu kleinen, dezentralen Logistikeinheiten entwickelt werden. Das können moderne Neubauten sein, aber auch weniger attraktive oder antizyklisch genutzte Flächen, wie beispielsweise die oberen Geschosse von Shoppingcentern, Freiflächen in Bürogebäuden, ungenutzte Parkplätze oder Bereiche in Sportstadien. Damit Urban Hubs funktionieren, müssen allerdings die Bedarfe einer ganzen Reihe verschiedener Akteure berücksichtigt werden: Angefangen von Online-Händlern und deren Kunden über Paketdienstleister bis zu Projektentwicklern und der öffentlichen Hand. Das wird heute noch zu oft vernachlässigt und führt zu verschenktem Potenzial.

3. Wie stellen Sie sicher, dass ein Urban Hub nicht an den Bedürfnissen der Nutzer vorbeientwickelt wird?

Wir verstehen die Hubs als einen Baustein in einem ganzheitlichen City-Logistikkonzept, das die Nutzeranforderungen und deren langfristige Strategie berücksichtigt. Ein Beispiel: Aktuell entwickeln wir eine moderne, mehrgeschossige Logistikimmobilie für Innenstadtlagen. Dabei geht es längst nicht nur um spezifische Lagerflächen für Einzel- oder Lebensmittelhändler, Hotelketten oder Handwerksbetriebe. Es geht vielmehr darum, Serviceleistungen anzubieten, die einen konkreten Mehrwert schaffen. Ein Urban Hub kann sieben Tage die Woche, rund um die Uhr einen kontinuierlichen Warenein- und -ausgang ermöglichen, um kurze Lieferzeiten zu gewährleisten. Es kann Lieferungen bündeln und Transportrouten entlasten. Um zu verstehen, was die Kunden wirklich brauchen, führen wir gegenwärtig eine groß angelegte Nutzerumfrage durch.

Wir stehen im Dialog mit Paketdienstleistern, Nutzern wie Hotelketten sowie Eintel- und Online-Händlern und deren Kunden, um sämtliche Probleme und Herausforderungen im Detail zu identifizieren. Auch mit verschiedenen Start-ups sind wir in Kontakt, die mit neuen technischen Lösungen zur Optimierung der Lieferketten beitragen können. Unser Ziel ist es, die Urban Hubs so zu gestalten, dass Lieferungen effizienter, schneller und kostengünstiger erfolgen. Und wir freuen uns natürlich über weitere Erfahrungswerte aus der Branche, die in unsere Umfrage einfließen.

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