Von anderen Ländern lernen: BIM-Projekt nach dänischer Art

Wie das Großprojekt Bispebjerg Hospital als BIM-5D-Projekt realisiert wird

Während sich BIM in Deutschland noch in einer verhältnismäßig frühen Phase der Implementierung befindet, realisieren andere europäische Länder wie Großbritannien, Norwegen, Finnland und Dänemark bereits seit Jahren Großprojekte mithilfe der digitalen Planungsmethode. Einer der Hauptgründe dafür ist es, dass die Anwendung von BIM dort viel stärker durch die öffentliche Hand gefördert wird und bei öffentlichen Bauvorhaben ab einem bestimmten Investitionsvolumen verpflichtend ist. Kein Wunder also, dass Deutschland in dieser Hinsicht den anderen Ländern hinterherhinkt. Dennoch macht sich auch hierzulande eine deutliche Bewegung in Richtung BIM-Standardisierung bemerkbar. Seit Januar 2017 fordert beispielsweise das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) den Einsatz der Methode bei öffentlichen Hochbauprojekten ab fünf Millionen Euro. Auch das Bundesverkehrsministerium (BMVI) arbeitet daran, BIM ab 2020 zum Standard für sämtliche Infrastrukturprojekte zu machen. Bis dahin können Bauherren und Planer in Deutschland aus der Praxis anderer Ländern lernen und profitieren: Ein Beispiel stellt das aktuelle dänische Großprojekt Bispebjerg Hospital, Akuthaus dar.

BIM für Kliniken

Bis 2025 wachsen zwei Klinikstandorte Frederiksberg und Bispebjerg zu einem einzigen Krankenhauskomplex zusammen.

In Dänemark ist die BIM-Methode seit 2011 für alle lokalen und regionalen Projekte mit einem Auftragsvolumen von mehr als 2,7 Millionen Euro und bei Regierungsgebäuden bereits ab einem Volumen von 677.000 Euro vorgeschrieben. Diese Regelung betrifft unter anderem öffentliche Krankenhäuser, Schulen und Verwaltungseinrichtungen. Aus diesem Grund wird auch eines der  aktuell größten Bauprojekte in Kopenhagen – Bispebjerg Hospital – mithilfe der digitalen Planungsmethode umgesetzt. Dabei werden zwei Klinikstandorte Frederiksberg und Bispebjerg bis 2025 zu einem einzigen Krankenhauskomplex in Bispebjerg, einem Stadtteil Kopenhagens, zusammengelegt. Das Projekt umfasst insgesamt 217.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Davon werden rund 121.000 Quadratmeter neu gebaut sowie 96.000 Quadratmeter Bestandsfläche revitalisiert. Im Komplex werden künftig eine Klinik für Somatik, Psychiatrie sowie Logistik-, Labor- und Bildungsräume Platz finden. 1.100 Parkplätze, verteilt auf zwei Parkhäuser und Außenstellplätze, gehören ebenfalls zum Areal. Der Auftraggeber – die Region Hovestaden (Hauptstadtregion) – investiert rund 530 Millionen Euro in das Vorhaben. Nach der Fertigstellung wird das Krankenhaus jährlich 416.000 Patienten im Großraum Kopenhagen aufnehmen und versorgen können. Das umfangreiche Bauvorhaben wird als BIM-5D-Projekt realisiert. Eine der besonderen Herausforderungen ist die Vielzahl der Beteiligten. Denn bei soliden Krankenhausplanungen arbeiten Kliniker, Mediziner, Ingenieure, Projektmanager, Prozessspezialisten und Architekten Hand in Hand. Diese interdisziplinäre Herangehensweise hat den Vorteil, dass die Planung alle baulichen, medizinischen, medizinrechtlichen und wirtschaftlichen Faktoren von Anfang an berücksichtigt. Wie bei jeder anderen Branche ist es wichtig, die Inbetriebnahme pünktlich und im vereinbarten Kostenrahmen zu sichern, ausschlaggebend sind in diesem sensiblen Bereich aber insbesondere Qualität und Sicherheit. Eine weitere große Herausforderung stellt für alle Beteiligte die Integration der Neubauten in rund 30 bestehende Gebäudeeinheiten dar.

Gerade bei so einem komplexen Projekt mit Bestands- und Neubauten, verschiedenen Funktionsbereichen wie beispielsweise Pflegeräume, OP-Säle oder Notaufnahme verschafft BIM die willkommene Transparenz. Denn im Vergleich zu Büro- oder Gewerbebauten ist die Zeitersparnis bei Krankenhausprojekten nicht nur ein wirtschaftliches Kriterium, sondern kann unter Umständen auch lebensrettend sein. In einer zeitgemäßen Krankenhausplanung sind aus diesem Grund die innerbetrieblichen Abläufe immer wieder neu auf den Prüfstand zu stellen. Die Gebäudestrukturen moderner Kliniken nehmen maßgeblichen Einfluss auf innerklinische Prozesse und letztlich mittel- und unmittelbar auf die Qualität der Krankenhausversorgung, die Patientensicherheit und die individuelle ökonomische Steuerbarkeit des Krankenhauses. Bei einem derart komplexen Bauvorhaben kann Building Information Modeling das grundsätzliche Konzept, die Planung und Umsetzung erheblich effizienter gestalten – und auch der spätere Betrieb wird somit nachhaltiger und sicherer.

BIM-Anwendung beim Bispebjerg Hospital

Die verschiedenen Level der digitalen Planung (in Anlehnung an das Bew-Richards BIM Maturity Model, 2008, 2016, www.bimtaskgroup.org)

Ein Großprojekt wie Bispebjerg Hospital mithilfe von BIM umzusetzen, ist eine Aufgabe für sich. So galt es für den Bauherrn zunächst die Ziele des Projekts zu definieren und damit auch eine passende BIM-Strategie zu finden. In diesem Schritt wurde auch die anzuwendende Komplexität der BIM-Methode festgelegt und die Vorgaben in die Ausschreibung implementiert. Für den Bauherrn war dabei klar: Je genauer werden die Anforderungen gestellt, desto bessere Ergebnisse können die Planer später liefern. Die Grundlage für die BIM-basierte Zusammenarbeit stellte der BIM-Execution-Plan (BEP) dar. Darin sind organisatorische Strukturen und Verantwortlichkeiten festgelegt sowie Prozesse und Anforderungen an die Kollaboration der einzelnen Beteiligten definiert. Zudem sind dort das Maß der Informations- und Detailtiefe und deren Qualitäten festgehalten. Als Projektmanager wurden die Experten des Immobilien- und Beratungsunternehmens Drees & Sommer in Kopenhagen beauftragt. Dieses übernahm die Steuerung der Planer und das BIM-Management in Kooperation mit der Firma Exigo (Aarhus).

Damit alle am Bau Beteiligten einen Bezugsrahmen haben und die Kommunikation präzise ablaufen kann, wurde nach dem vorgegebenen Standard auch definiert, auf welchem BIM-Niveau sich der Bauherr und auch das Projekt befinden. In Fall des Bispebjerg Hospitals war die digitale Planung dem Reifegrad Level 2 zuzuordnen. Dies bedeutet, dass das Modell für 3D (Bauelemente, Massen), 4D (Zeit) und 5D (Kosten) ausgewertet werden sollte. Die Planung der jeweiligen Fachplaner erfolgt in 3D BIM-Modellen, gleichzeitig finden weiter spezialisierte BIM-Strukturen Anwendung. Mit 4D-BIM (Zeit) werden beispielsweise die Abläufe wie die Baustellenlogistik einbezogen. Damit wird konkretisiert und durch Simulationen optimiert, wann und wo welche Arbeiten ausgeübt werden. Im Beispiel des Bispebjerg Hospitals wurde die Steuerung der 4D-Planung über das Modell von VicoOffice durchgeführt. Mittels Massen aus dem gleichen Modell erfolgte auch die Kontrolle der Kostenschätzung und -berechnung. Um alle Beteiligten im Projektverlauf über Fortschritte zu informieren, erstellen die BIM-Manager regelmäßig Statusberichte zu BIM-Planung und -Modell. Dazu prüfen sie unter anderem, ob die BIM-Richtlinie gemäß den Ausschreibungsunterlagen eingehalten wird, ob Pläne mit dem virtuellen Gebäudemodell übereinstimmen oder ob phasengerechte Nachführung des virtuellen Gebäudemodells (VGM) und der CAFM-Tools besteht.

Darüber hinaus begleiten die BIM-Manager die regelmäßigen BIM-Koordinationstreffen, erarbeiten Risikoberichte bezogen auf Zielerreichung und Koordination sowie steuern und optimieren die mangelhafte Planung im Change-Prozess. Hierzu führen die Experten mittels der Solibri-Software eine genaue Modellanalyse mit der sogenannten clash-detection (Kollisionsprüfung) durch. Solibri ermöglicht eine konsequente Qualitätskontrolle der BIM-Daten, von funktionalen Prüfungen der Flächeneffizienz bis zur Raumausstattung, und hilft Schwachstellen zu optimieren. Aktuell befindet sich das Projekt in der Entwurfsphase. Dabei steht die Validierung der Kostenberechnung (5D) im Vordergrund. Der Baustart ist für Ende 2018 geplant. Durch die Anwendung von BIM verläuft der Planungsprozess beim Bispebjerg Hospital integrativ und kooperativ. Produkthersteller und ausführende Firmen konnten schon früh mit funktionalen Vergabeverfahren in den Planungsprozess einbezogen werden. Dadurch, dass alle Informationen und Änderungen digital zusammengefasst, vernetzt und fortlaufend abgeglichen werden, verläuft die Kommunikation zwischen verschiedenen Gewerken schneller und fehlerfreier und die Abstimmungsprozesse beschleunigen sich. Auch der spätere Betrieb des Krankenhauskomplexes wird von BIM profitieren.

Ausblick

Trotz des rasanten Aufstiegs der digitalen Methode – oder vielleicht gerade deshalb – gibt es in Deutschland anders als in Dänemark bisher noch keinen nationalen BIM-Standards oder Regelungen. Es fehlt also eine Grundlage, die nicht nur eine einheitliche Definition der Methodik bietet, sondern auch die Verantwortlichkeiten und Funktionsweise von BIM sowohl im Planungs- als auch im Geschäftsprozess genau beschreibt. Und ohne einen solchen BIM-Standard mangelt es an einer organisierten oder zertifizierten Ausbildung. Im deutschsprachigen Raum gibt es bisher wenige Anbieter wie TÜV SÜD oder gar Studiengänge, die eine BIM-Aus- oder Weiterbildung anbieten. Im Vergleich dazu ist in nordeuropäischen Ländern die BIM-Entwicklung und Ausbildung bereits viel weiter fortgeschritten. Diese Tatsache erschwert die Regelung der durch die BIM-Anwendung entstandenen, neuen Prozesse und Abläufe. Abhilfe schaffen an dieser Stelle Leitfäden oder Handbücher verschiedener Interessens- und Arbeitsgruppen, die zumindest die Begrifflichkeiten, ein einheitliches Rollenverständnis und die Hauptprinzipien der Methode festhalten. Dennoch eins steht fest: BIM überzeugt immer mehr Akteure in der Baubranche, weil damit Prozesse besser abgebildet, die Effizienz deutlich gesteigert und Kosten reduziert werden können.

Autoren: Prof. Phillip Goltermann, Partner bei Drees & Sommer, Tilmann Grube, Projektpartner bei Drees & Sommer Quelle: BIM Special 2017 – Ernst & Sohn Verlag